Warum zeigen Baustellenampeln eigentlich kein Grün?

Haben Sie sich das schonmal gefragt? Werfen wir einen Blick auf zwei dazu passende Verkehrsregeln.

Da gibt es einerseits mal die Signalisationsverordnung (SR 741.21). In Kapitel 8 (Lichtsignalanlagen), Artikel 68 (Art und Bedeutung der Signale) findet sich da folgender Hinweis:

Grünes Licht gibt den Verkehr frei. Abbiegende Fahrzeuge müssen dem Gegenverkehr (Art. 36 Abs. 3 SVG) und den Fussgängern oder Benützern von fahrzeugähnlichen Geräten auf der Querstrasse den Vortritt lassen (Art. 6 Abs. 2 VRV)

Soweit so gut: Bei Grün darf der Autofahrer grundsätzlich in seiner Fahrtrichtung fahren. Biegt er ab, besteht für Fussgänger trotzdem ein Vortrittsrecht auf Querstrassen. Wie sieht es nun bei Fussgängerstreifen aus, die geradeaus in seiner Fahrtrichtung liegen? Hierzu gibt die Verkehrsregelverordnung (VRV 741.11) Art. 6 eine genauere Auskunft (Strassenverkehrsgesetz Artikel 33):

Vor Fussgängerstreifen ohne Verkehrsregelung muss der Fahrzeugführer jedem Fussgänger oder Benützer eines fahrzeugähnlichen Gerätes, der sich bereits auf dem Streifen befindet oder davor wartet und ersichtlich die Fahrbahn überqueren will, den Vortritt gewähren.

Dieser Abschnitt regelt das Vortrittsrecht der Fussgänger vor Fussgängerstreifen ohne Verkehrsregelung. Was genau heisst jetzt "ohne Verkehrsregelung"? Sicherlich betrifft das einen ganz normalen Fussgängerstreifen im Dorf (ohne Baustelle und ohne Ampel). Aber wie ist es, wenn der Fussgängerstreifen innerhalb einer Baustelle liegt, dieser aber nicht mit eigenen Ampeln versehen ist? Dann ist zwar eine Verkehrsregelung da, aber meistens nur für die Fahrzeuge. Handelt es sich jetzt hierbei von einem Fussgängerstreifen "mit Verkehrsregelung" oder "ohne Verkehrsregelung"?

Der Fussgänger, insbesondere Kinder, werden sich beim Überqueren der Strasse ganz bestimmt nicht mit juristischen Spitzfindigkeiten beschäftigen; die werden davon ausgehen, dass sie auf diesem Fussgängerstreifen - wie gewohnt - Vortritt haben. Aber die grüne Ampel spricht dem Autofahrer ebenfalls ein Vortrittsrecht zu. Der Autofahrer könnte, da der Fussgängerstreifen im Schutzbereich der Lichtsignalanlage liegt, davon ausgehen, dass dieser ebenfalls geregelt ist und die Fussgänger keinen Vortritt haben. Hier liegt ein gefährliches Konflikt- und Missverständnispotenzial vor, welches im Exteremfall tödliche Folgen haben kann.

Bei Baustellen kommt darum die Norm SN 640 886, Temporäre Signalisation auf Haupt- und Nebenstrassen, zum Einsatz. Sie erlaubt (fordert aber nicht!) den Einsatz von "Gelbblinken anstelle von Grün", und zwar in folgenden Situationen:

  • Wenn sich Fussgängerstreifen in der Baustelle befinden
  • Wenn sich ungesicherte Einmünder im Baustellenbereich befinden.

Sind diese Kriterien nicht gegeben, wären folglich auch die Bedingungen für "Gelbblinken anstelle von Grün" nicht gegeben. Das "Gelbblinken anstelle von Grün" hat sich allerdings zu einem nirgendwo festgeschriebenen Quasi-Standard entwickelt. Obwohl technisch möglich, wird vielerorts auf eine Umrüstung auf Grün verzichtet und stattdessen der Einfachheit halber immer "Gelbblinken anstelle von Grün" eingesetzt. In der Schweiz wird das generelle "Gelbblinken anstelle von Grün" mehrheitlich toleriert. In einigen Gebieten wird jedoch explizit auf die obige Fallunterscheidung geachtet.

Das "Gelbblinken anstelle von Grün" löst definitiv mehr Probleme, als es verursacht. Allerdings bleiben einige Restrisiken. Autofahrer aus dem Ausland kennen kein "Gelbblinken anstelle von Grün". Viele Autofahrer, auch Einheimische, betrachten zudem "Gelbblinken anstelle von Grün" als "Grün" und nehmen sich je nach Situation ein Vortrittsrecht (gegenüber anderen Spuren, die unter Umständen gleichzeitig "Gelblinken anstelle von Grün" anzeigen, heraus. Dies kann zu Konflikten führen.
Situationsbedingt wird das gelöst, indem die Ampel weiter von der Konfliktstelle entfernt wird, oder eine zusätzliche Signalisation explizit auf eine Vortrittsbelastung hinweist. Rechtlich gibt "Gelbblinken" jedoch nie ein Vortrtittsrecht, sondern ermahnt zum vorsichtigen Fahren.

Ein weiteres, wesentlich seltener anzutreffendes Missverständnispotenzial besteht auch dadurch, dass die Autofahrer meist kein Unterschied mehr zwischen "Gelbblinken anstelle von Grün" und "Gelbblinken in der Mitte" (bei Störungen oder ausser Betrieb genommenen Ampeln) machen resp. diesen nicht wahrnehmen. Im Falle an einer Anlagenstörung oder einer ausgeschalteten Lichtsignalanlage wird Gelbblinken in der Mitte vermeintliches als "Grün" interpretiert, und der Vortritt wird, absichtlich oder nicht, erzwungen.